Der Mensch als Maschine

Ist der Mensch ein individuelles Lebewesen mit der Fähigkeit, sich selbst zu verwirklichen oder ist er eine Maschine, deren Einzelteile nur Bestandteile des Ganzen sind?

Der Anfang eines verhängnisvollen Wissenschaftsdogmas wurde von Descartes in die Welt gesetzt. Er erfand den Vergleich vom Menschen und dem Uhrwerk. Descartes und seine Zeitgenossen kamen zum Entschluss, dass der Mensch im Prinzip nichts anderes ist als eine Maschine, bestehend aus diversen Organen.

Obwohl diese Theorie längst überholt ist, greift gerade die moderne Wissenschaft - namentlich die Gentechnologie - wieder zu diesem unbrauchbaren Weltbild. Nun, eine Stufe tiefer, wird der Mensch nicht mehr als eine logische Aneinanderhäufung von Organen angesehen sondern an eine lange Kette von Schalterchen, die man Gene nennt. Der Weg zurück in ein reduktionistisches Weltbild macht den Menschen wieder zu einer seelenlosen Maschine.

Die "Erfolgsmeldungen" der Gentechniker nehmen von Mal zu Mal groteskere Formen an. Da sollen angeblich Gene existieren, die steuern, ob wir ordentlich oder chaotisch sind, ob wir homosexuell oder heterosexuell sind, ob wir aggressiv sind und noch vieles mehr. So wird der Charakter des Menschen ähnlich einem Computerprogramm als vorgegeben betrachtet und der Mensch steht plötzlich vor der Frage, was für eine Rolle er nun noch zu spielen hat in diesem Leben.
Verfolgt man diesen Gedanken weiter, so muss man sich die besorgte Frage stellen, wofür denn die Erziehung noch gut sein soll. Wenn die Maschine Mensch wirklich durch seine Gene vollständig programmiert ist, so ist nicht nur Erziehung eine völlig unnötige Massnahme, sondern stellt uns auch vor die Frage, wer denn schlussendlich für unser Tun verantwortlich sein soll.

Angenommen, jemand kommt vor Gericht, weil er jemanden getötet hat. Darf er überhaupt verurteilt werden? Schliesslich hat er sich nicht programmiert. Schuld ist die Natur, die ihm diese falschen Gene eingepflanzt hat. Ihn trifft keine Schuld und auch das soziale Umfeld hat überhaupt nichts mehr damit zu tun. Egal ob die Eltern ihn misshandelt haben oder ob sie ihm die Liebe zukommen liessen, die er brauchte, es hat keinen Einfluss auf die Programmierung.
Natürlich ist dieses Gedankenspiel absurd, aber welchen Nutzen hat eine solche Forschung und ein solches Weltbild, wenn es nicht auf das Leben übertragbar ist?

Nach all den Erkenntnissen, die man mittlerweile erarbeitet hat und die bewiesen, dass beispielsweise übermässige Aggressionen häufig aus dem Elternhaus kommen und eine direkte Folge sind von falscher Erziehung oder ähnlichem, wie kommen Wissenschaftler plötzlich auf die absurde Idee, es könne ein Aggressions-Gen geben?

Der Wunsch, der hinter einem solch vereinfachten Weltbild steht, ist klar. Wäre es wirklich so, könnte jede negative Eigenschaft "ausgeknipst" werden und die Zukunft wäre frei für den perfekten, programmierten Menschen.
Die Frage ist nur, wollen wir das überhaupt?